Ist Rugby der beste Sport für die Entwicklung von Kindern?

Als Psychologe und Pädagoge beschäftige ich mich vor allem mit der Funktionsweise des Gehirns bezüglich Lernpsychologie, Motivationspsychologie und Entwicklungspsychologie. Alles Bereiche, die mir einen guten Einblick in die Auswirkungen von Sport auf die Leistungsfähigkeit, die emotionale und kognitive Gesundheit von Menschen ermöglichen. Ganz nebenbei unterrichte ich genau das auch in meinem derzeitigen Beruf bei Auszubildenden zum Lokführer bei der MEV.

Meine Erfahrungen aus jahrelangem Studium, theoretischer und praktischer Erfahrung möchte ich im Folgenden loswerden. Dabei wird dies kein wissenschaftlicher Artikel. Ich werde keine Quellenangaben machen und mich auch nicht hochgestochen ausdrücken. Trotzdem bin ich der absoluten Überzeugung, dass die gemachten Angaben korrekt und wissenschaftlich haltbar sind. Ich möchte das über Jahre angesammelte Wissen auf eine konkrete Fragestellung anwenden: Ist es gut für meine Kinder, wenn sie Rugby spielen? Dabei vergleiche ich Rugby mit anderen Sportarten wie American Football, Boxen, Kickboxen oder auch Fußball. Ich nehme dabei auch Artikel ernst, die auf Risiken mancher Sportarten für Hirnschädigungen abheben.

Grundsätzliche Vorteile des Rugbysports für Kinder

In unserer Gesellschaft müssen Kinder ruhig im Unterricht sitzen, sich konzentrieren, gute Noten schreiben und somit schon früh auf Erfolg hinarbeiten. Später benötigen sie gute Abschlüsse, Eigenmotivation oder Durchhaltevermögen, um beruflich voranzukommen und ein angesehenes – und davon leider oft abhängig auch ein glückliches – Leben zu führen. Als Grundlage benötigen sie dafür emotionale und kognitive Stabilität.

Beispiele: Kindern, die nie gelernt haben, regelmäßig Hausaufgaben zu machen und zu lernen, fehlt es an Konsequenz, auf ein Ziel hinzuarbeiten, selbst wenn dieses keinen Spaß macht. Ihr ganzes Handeln ist dann eher auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet ohne auf ein weiter entlegenes Ziel hinarbeiten zu können. Oder: Ein Kind, das ruhig in der Schule sitzen muss und dabei seinen natürlichen Bewegungsdrang unterdrücken muss, fühlt sich wie gefoltert. In der Schule zu sitzen wird unangenehm, es verbindet die Schule mit etwas Negativem und hat keine Lust mehr zur Schule zu gehen. Alles wird schwerfälliger und lästiger. Die Noten rutschen in den Keller.

Es gibt unzählige Beispiele für eine eher negative (nicht gewollte) Entwicklung von Kindern, deren Ursachen gar nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Leider ist es noch nicht in Aussicht, dass sich unser Ausbildungssystem ändert. Aber durch Rugbysport können nahezu alle Fehlentwicklungen verhindert werden, wenn das Kind früh genaug damit anfängt und sich dabei wohl fühlt.

Respekt

Im Rugby steht Respekt vor dem Gegner und dem eigenen Körper an erster Stelle. Man darf niemals absichtlich einen Gegner verletzen oder ausknocken. Im Gegenteil zu Kampfssportarten, wo dies das Ziel des Sports ist. Durch Rugby lernen Kinder so, selbst ungeliebte Gegner fair und respektvoll zu behandeln – eine wunderbare Basis für spätere Konfliktsituationen.

Frustrationstoleranz

Eine wichtige Errungenschaft des Rugbys ist die absolute Autorität des Schiedsrichters. Angesprochen werden darf der Schiedsrichter nur vom Mannschaftskapitän. Und alle seine Entscheidungen sind bedingungslos hinzunehmen. Der eigene Frust über eine vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters wird nicht geäußert, sondern zum Wohle der Mannschaft muss die negative Energie in positive Motivation umgewandelt werden. Damit wird eine unabdingbare Eigenschaft geschult, um durch Probleme im Leben nicht zu Grunde zu gehen, sondern die Kraft zu entwickeln, um sie zum Positiven zu verändern: Resilienz.

Bewegungsreichtum

Beim Rugby werden nahezu alle Muskeln im Körper gestärkt, deutlich mehr als bei allen anderen Ballsportarten, weil man nicht nur rennen und kicken darf, sondern auch einen starken Oberkörper für Rucks, Mauls oder Tacklings benötigt. Auch eine einseitige Belastung fällt weg, weil man nicht nur den besseren Wurfarm oder das bessere Schussbein beansprucht. Selbst bei vermeintlich ähnlichen Sportarten wie American Football gibt es eher Spezialisten, die auf bestimmte Bewegungsabläufe trainiert werden. Beim Rugby muss jeder Spieler alles können. Nur Turnen oder Kampfsportarten trainieren die Muskeln in ähnlicher Art und Weise.

Tiefenmuskulatur

Die für die Haltung so wichtige Tiefenmuskulatur ist Teil des Rugbytrainings. Kinder, die heutzutage unnatürlicherweise lange in der Schule sitzen müssen, erlangen dadurch die ausschlaggebende Kräftigung, um Haltungsschäden vorzubeugen.

Teamsport

Der Vorteil von Rugby gegenüber Einzelsportarten wie Turnen, Schwimmen oder Kampfsport liegt in der Mannschaftleistung.  Man sieht sich als Teil eines Teams, arbeitet auf ein gemeinsames Ziel hin, unterstützt sich, schafft bedingungsloses Vertrauen, man freut sich und leidet gemeinsam bei Siegen oder Niederlagen. Die besonderen Vorteile für die emotionale Reifung als Mitglied einer Mannschaft sind durch Einzelsportarten nicht auszugleichen.

Reaktion, Koordination und Selbstvertrauen

Weitere wertvolle Aspekte, die durch Rugby geschult werden, sind die Reaktions- und Koordinationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Der eiförmige Rugbyball verspringt auf dem Boden in unvorhersehbare Richtungen. Ähnlich wie beim Tischtennis muss hier sofort die richtige Bewegung ausgeführt werden, um den Ball wieder unter Kontrolle zu bringen.

Auch das Selbstvertrauen, ohne das ein Mensch heutzutage keinen Erfolg haben kann, wird durch Rugby gefördert. Kinder und Jugendliche treffen während des Spiels blitzschnell Entscheidungen, die von der gesamten Mannschaft getragen werden. Das Rugbyspiel ist so komplex, dass Fehler vorkommen und toleriert werden. Jeder darf Fehler machen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten ist das Wichtigste.

Kopfverletzungen

Ein Aspekt, der nicht verschwiegen werden darf, sind Kopfverletzungen durch Sport. Anders als muskuläre Verletzungen oder Knochenbrüche, die meistens wieder verheilen, kann der Kopf, bzw. das Gehirn, sich bei einer Schädigung nicht regenerieren. Aufgrund der gesundheitlichen Relevanz soll hier aber speziell auf Kopfverletzungen eingegangen werden. Auch weil Neulinge aufgrund des Körperkontakts automatisch von einem erhöhten Verletzungsrisiko ausgehen, soll hier betont werden: Es gibt im 7er-Rugby nicht mehr Verletzungen als im Fußball. Punkt.

Kampfsport, aber auch American Football oder Fußball führen nachweislich zu Kopfverletzungen mit Hirnschäden; die betroffenen Personen leiden unheilbar an den schweren Folgen bis zum Rest ihres Lebens. Der Fairness halber muss hier aber erwähnt werden, dass auch im Rugby Kopfstöße vorkommen. Zwar ist das nicht konzeptionell bedingt – es gibt keine Kopfbälle wie beim Fußball, keine absichtlichen Schläge gegen den Kopf wie im Kampfsport und auch keine Kopfstöße wie beim American Football -, aber in einer Kontaktsportart können Kopfstöße vereinzelt vorkommen, vor Allem, wenn viele Akteure aufeinanderprallen wie beim „Maul“ und „Ruck“ oder wenn zwei Spieler gleichzeitig ihren Gegenspieler tackeln, denn dann wird es unübersichtlich und gefährlich.

Deshalb ist in Puncto Kopfverletzungen das 7er-Rugby dem 15er-Rugby vorzuziehen. Die gefährlichen unübersichtlichen Situationen kommen im 7er-Rugby so gut wie nicht vor. Die Gefahr von Hirnschädigungen mit Spätfolgen wird dadurch minimiert und dürfte auf einer Stufe mit Handball oder Basketball liegen und weit unter Boxen, American Football oder Fußball.

Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wird World Rugby aller Voraussicht nach zukünftig einführen, um nicht in eine ähnliche Lage wie American Football zu gelangen, das zurzeit negative Schlagzeilen durch Kopfverletzungen mit Spätfolgen macht. Außerdem sollte im Training mit Kindern die Flag-Rugby-Variante vorgezogen werden, kontaktlos und vor Allem ohne Tacklings. Eine weitere Schutzmaßnahme kann dann noch der offiziell erlaubte Schaumstoffhelm bringen. Wenn man dann noch weiß, dass es im Schülerbereich nicht zu den gefährlichen Situationen kommt, gibt es keinen Grund, mehr Angst vor Verletzungen zu haben als in anderen Sportarten – insgesamt gesehen sogar eher im Gegenteil.

Dieser ist einer der Gründe, warum sich die Rugbyabteilung des SV Südwest 1882 Ludwigshafen auf 7er-Rugby konzentriert. Wir wollen für alle Kinder und Jugendlichen mit reinem Gewissen nur die positiven Aspekte des Sports vermitteln.

Kognitive Auswirkungen

Bisher wurden eher die körperlichen und emotionalen Auswirkungen von Rugbytraining beschrieben. Die komplexen Zusammenhänge des Sports hinsichtlich Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung würden den Umfang dieses Artikels sprengen und werden in einem späteren Artikel behandelt. Gesagt sei aber schonmal so viel: Durch das komplexe Regelwerk, die komplexen Bewegungsabläufe sowie die komplexen Spielzüge die kognitiven Fähigkeiten intensiv geschult. Damti ist Rugby mehr als jeder andere Sport ideal dafür geeignet, die schulischen Leistungen von Kindern signifikant zu verbessern!

Rugby als idealer Sport für Kinder und Jugendliche

Alle oben genannten, positiven Aspekte sind vereinzelt auch in anderen Sportarten zu finden. Aber: Es gibt keine einzige Sportart, die alle positiven Punkte in sich vereint, außer Rugby. Damit ist Rugby als die wohl wertvollste Sportart für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen überhaupt zu betrachten.

Das zuvor diskutierte Verletzungsrisiko auf Profiebene besteht im Kinder- und Jugendbereich nicht. So dass alle Eltern ihr Kind mit bestem Gewissen in einem Rugbyverein anmelden sollten. Wird 7er-Rugby gespielt, sind die Bedenken sowieso auch später auf Profiebene hinfällig.

Eltern, die ihren Kindern die besten Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung bieten möchten, sollten sie in einem Rugbyverein anmelden. Kinderturnen oder Kinderschwimmen ist wertvoll für die Bewegung, aber es fehlt der Teamgeist. Andere Ballsportarten machen auch Spaß, aber man trainiert nicht so komplex den ganzen Körper und Geist wie beim Rugby. Und die wichtigen Aspekte wie Respekt, Disziplin und Frustrationstoleranz für ein erfolgreiches Leben im privaten als auch schulischen Bereich werden in keiner anderen Sportart so positiv gefördert.

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